
 Das Licht ist mehr als nur Licht und die Sonne mehr als nur Sonne

von Josef Sauerborn
Der Kölner Dom ist eine Kathedrale des Lichtes. Der Dom eine Architektur des Lichtes. Mit seinen hoch aufstrebenden Säulen und himmelwärts aufgipfelnden Gewölben gibt er den gewaltigen Fensterflächen Raum, die den Dom in das wechselvolle Licht der Tageszeiten tauchen. An dieser Kathedrale kann die Sonne ihr Tageswerk vollbringen und den Wandel der Jahreszeiten durchschreiten. Die Kathedrale feiert das Schöpfungswort Gottes: Es werde Licht. Tag für Tag zelebriert sie ein Hochamt des Lichtes, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. Der Dom lebt von diesem kosmischen Ereignisreigen und weiß ihn zu deuten als das große Zeichen für Jesus Christus. Gott ist erschienen. Die Welt ist epiphan geworden, durchscheinend für Gott.
Die Kathedrale feiert diese Epiphanie und Transparenz. Die ausladenden Fensterflächen lassen gewaltige Lichträume im Dom erwachsen. Die Fenster wirken im Spiel ihrer Farben und Darstellungen aus den unterschiedlichen Epochen und Jahrhunderten. Die gotische Höhe des Raumes, seine Weite lassen dieses Spiel der Farben als ein göttliches Spiel aufscheinen, das vom Sieg des Lichtes über die Finsternis kündet.
In seiner überwältigenden Farbenfülle ist das Fenster von Gerhard Richter eine Symphonie des Lichtes, in der alle Farben des Domes erklingen. Es steht in bewusster Beziehung zur Farbenwelt und Architektur des Domes. Die vibrierende Farbdichte zwingt keine Deutung auf. Sie ist offen und schenkt dem Licht Raum, in der Vielfalt der Farbnuancen aufzuscheinen.
Es ist ein Fenster der Moderne, seine Ästhetik zeugt davon und seine Entstehungsweise. Elektronisch gesteuerter Zufallsgenerator und menschliches Kalkül sind ein geordnetes Zusammenspiel eingegangen, um diese Fülle der Farbnuancierungen auf der gewaltigen Fensterfläche aufscheinen zu lassen. Dieses Fenster unserer Zeit enthält so in seinem Schaffungsprozess die Wirklichkeit der Elektronik und computergesteuerten Prozesse, die das heutige Leben durchdringen und beeinflussen. Sie werden nicht denunziert. Sie werden für den künstlerischen Prozess fruchtbar gemacht. Das große Feld der Farbquadrate, das so emporwächst, steht in einem sensiblen Bezug zur für den gotischen Dom und seine Fenster bedeutsamen ornamentalen Struktur, die der Schwerelosigkeit der Architektur und ihrer Lichtdurchlässigkeit dient.
Der künstlerische Entstehungsprozess wagt das Zusammenspiel von Zufall und Kalkül, von dem, was sich unberechenbar anbietet, und dem auswählenden, ordnenden und bestimmenden Verstand. Was da aufscheint in diesem Zusammenspiel, zeigt Schönheit und nicht greifbare Ordnung, zeigt so einen kreativen Ursprung, den auch der Künstler letztlich nicht klären kann, auch wenn er die Verantwortung für die künstlerische Entscheidung trägt. Das Wort Zufall kann zur Chiffre werden für das Unverhoffte, auch Geheimnisvolle, das die menschliche Fassungskraft übersteigt.
Das Fenster im Südquerhaus zwingt keine Deutung auf. Es ist offen. Das Licht, das die Farbenfülle vibrieren lässt, kann seine Arbeit tun und zeigen, dass es mehr ist als Licht. Eine geheimnisvolle Welt der Farben erscheint in den sich zur Fensterhälfte auf komplexe Weise spiegelnden Farbflächen.
Der Sehende kann die Quadratflächen letztlich nicht festhalten; auch Ordnungen, die sich ihm zeigen, entschwinden wieder, um neue freizusetzen. Das Rätselhafte und Geheimnisvolle trägt den Sieg davon. Das Licht funkelt und strahlt, wird epiphan in diesem Meer der Farben. Das Licht kann seine alles übersteigende und also transzendierende Wirkung entfalten und weisen auf das nicht greifbare Geheimnis Gottes.Josef Sauerborn Künstlerseelsorger im Erzbistum Köln 

 | Zur Genese des Entwurfs

von Barbara Schock-Werner
Große Maßwerkfenster, die mit farbigem Glas gefüllt werden, sind ein wesentlicher Bestandteil gotischer Architektur. Auch der Innenraum des Kölner Doms wird von den aus den verschiedensten Jahrhunderten stammenden Farbglasfenstern stark geprägt.
Um 1300, noch vor der Weihe des Domchors, versah man dessen Obergaden mit einer Verglasung. Bis auf das Achsfenster, in dem die Anbetung der Heiligen Drei Könige dargestellt ist, tragen alle Fensterbahnen das Bild eines Königs unter einem gemalten Baldachin, darüber sind die Öffnungen bis ins Maßwerk mit einer hellen Ornamentverglasung versehen.
Nach der Vollendung der Obergadenzone von Langund Querhaus im 19. Jahrhundert orientierte man sich bei der Verglasung dieser neuen Teile an den mittelalterlichen Chorfenstern. In diesen sind einzelne Heiligenfiguren unter aufwändigen Architekturtabernakeln zu sehen. Die unterste Zeile zeigt – ebenso wie im Chor – Stifterwappen; die obere Fensterhälfte ist mit weniger farbintensiven Ornamentscheiben gefüllt. Alle Fenster schließen auch hier mit einem stark farbigen Maßwerk.
Das Fenster der Südquerhausfassade schenkte König Wilhelm I. von Preußen dem Dom. Es zeigte als Standfiguren drei weltliche Herrscher, Karl den Großen, Heinrich II., Sigismund von Burgund, und drei heilige Erzbischöfe, Anno und Engelbert von Köln sowie Otto von Bamberg. Das in der Königlichen Glasmalereianstalt in Berlin-Charlottenburg gefertigte Fenster wurde 1863 eingesetzt. Im Gegensatz zu den sogenannten Bayernfenstern im südlichen Seitenschiff wurde es im Zweiten Weltkrieg nicht ausgebaut und deshalb vollständig zerstört. Da auch die zugehörigen Unterlagen in Berlin verbrannten, war an eine Rekonstruktion des Fensters nicht zu denken. Die 1948 in das Fenster eingesetzte sehr helle Verglasung nach einem Entwurf von Wilhelm Teuwen wurde schon seit langem als unzureichend empfunden. Da christliche Herrscher nicht Inhalt einer zeitgenössischen Verglasung sein konnten, beschloss das Domkapitel 2003 als Thema für das Fenster die Märtyrer des 20. Jahrhunderts vorzuschlagen. 

Bei genauer Prüfung stellte sich aus gestalterischen wie inhaltlichen Gründen heraus, dass dieses Thema mit den Mitteln und Methoden zeitgenössischer Glasmalerei nicht auf dem für den Dom notwendigen künstlerischen Niveau zu lösen ist. Deshalb wurde der in Köln lebende Maler Gerhard Richter um einen Entwurf gebeten. Anknüpfend an seine Farbfelderbilder der 1970er Jahre fertigte er einen Entwurf, der Farbquadrate aus mundgeblasenem Echt-Antikglas in 72 Farben zusammensetzt. Da sich das Fenster harmonisch in den Gesamtraum einfügen sollte, werden nur Farben der vorhanden Glasfenster aufgegriffen. Damit die Farbfelder sich ohne störenden Steg berühren können und auch nach außen wirksam werden, sind sie mittels eines Silikongels mit einer Trägerscheibe verbunden. Der Künstler hat die Verteilung der Farbgläser auf die Hälfte der Fensterfläche mit Hilfe eines Zufallgenerators gesteuert. Die so entstandenen Bahnen werden gespiegelt. Dabei spiegeln sich die Bahnen 1 und 3, 2 und 5, 4 und 6.
Nur im Maßwerkbereich ist eine achsensymmetrische Spiegelung gewählt. Das lässt diesen Bereich mit seiner komplizierten Geometrie magischer erscheinen, als das in fast jedem anderen Fenster der Fall ist. Das Fenster ist für diesen Ort geschaffen und lässt strahlendes, farbiges Licht in die Kathedrale.Barbara Schock-Werner, Dombaumeisterin zu Köln 

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